Bretter, die die Welt bedeuten – (Schul)-Theater als Weg zu sich selbst

Don Giovanni Reloaded – Highway to Hell

Flyer mit Leon FotoNach 13 Monaten Vorbereitungszeit hatte am 24. Januar 2018 „Don Giovanni Reloaded – Highway to Hell“am Rupprecht-Gymnasium in München Premiere. Was als einfaches Schultheaterprojekt begann, hatte sich am Ende zu einer vollwertigen Musiktheaterproduktion entwickelt: dank vieler talentierter junger Darsteller, einem sensationell motivierten und motivierenden Musiklehrer, der eine ganze Schule für dieses Projekt begeistern konnte und nicht zuletzt auch durch mich. Parallel zu meinen Tätigkeiten im europäischen Staats- und Stadttheaterbetrieb (vor allem als Schauspiel-, Opern- und Musicalregisseur sowie Choreograph) habe ich immer wieder mit Jugendlichen gearbeitet. Denn in diesen Arbeiten verändern sich die Teilnehmer – und manchmal entstehen nebenher wirkliche Theaterwunder- wie bei diesem Projekt in München.

Rampenlicht und Lampenfieber

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Schauspieltraining in der Endprobenwoche

Theater ist eine der spannendsten Formen von Kommunikation. Obwohl in unserer medialisierten Welt professionelle Theateraufführungen oft nur als Storytelling-Produkt wahrgenommen werden, bei denen der passiv konsumierende Zuschauer nur das Endergebnis eines langen Entwicklungsprozesses sieht, finden die wirklich spannenden Prozesse oft hinter der Bühne statt. Vor allem dann, wenn junge Menschen zum ersten Mal Verantwortung für ein Theaterstück übernehmen und selber Theater spielen.

Im Rampenlicht auf einer Bühne zu stehen, dort eine Rolle glaubhaft darzustellen und die vielen emotionalen Entwicklungen überzeugend zu gestalten, benötigt ein hohes Maß an Empathie und Introspektion. Es erfordert viel Wissen über die eigene Persönlichkeit und über die anderer Menschen. Ein Theaterprojekt ist der schönste und direkteste Weg, das zu lernen.

„Amateur“ kommt von Liebe

Das Wort Amateur kommt von der „Liebe zur Sache“, und die ist bei Menschen, die nicht beruflich am Theater, beim Film oder in den Medien arbeiten, oft viel ausgeprägter. Hier fliesst viel Herzblut ein. Theaterprojekte mit Amateuren finden meist außerhalb von normalen Theatern statt und sollten von erfahrenen Theaterpädagogen, Schauspielern oder Regisseuren betreut werden. Im Laufe des Probenprozess ermöglicht man den Teilnehmer*innen, in einem geschützten Raum bewusst die eigenen Grenzen zu erfahren – um diese dann mutig zu erweitern. Probenräume werden zu faszinierenden Emotionslaboren, sind Experimentier- und Trainingscenter für die „echte Welt“. Innerhalb kürzester Zeit sammeln Menschen wichtige und in der Regel schonungslos ehrliche Erfahrungen mit den eigenen Unzulänglichkeiten – und erleben und stärken auch immer die eigenen Stärken.

Wichtig ist, dass alle Mitarbeiter*innen und Mitgestalter*innen an solchen Projekten als verantwortungsvolle Profis behandelt werden. Gegenseitiger Respekt und Achtung ist unverzichtbar, auch wenn der Tonfall für manche überraschend direkt sein kann. Jede*r Einzelne kann und soll hier persönliche (Grenz)-Erfahrungen machen und sich konstruktiv mit Schwierigkeiten und Veränderungen auseinandersetzen.

Pubertät, Peinlichkeit und Performance

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Farbenfrohe Partygäste auf Giovannis privater Feier

Besonders spannend und vor allem nachhaltig sind natürlich Schultheaterproduktionen. Wahre Entwicklungsbeschleuniger, deren Wirkungen oft jahrzehntelang anhalten. Gerade für Jugendliche, die sich aus dem anstrengenden Verwandlungsprozess der Pubertät hinauskämpfen und mit ihrer neuen Identität als „Beinahe Erwachsener“ oft noch nicht vertraut sind, bieten sich hier einzigartige Chancen. Sie können üben, wichtige und über die Dauer der Produktion intensive und direkte Beziehungen aufzubauen. Sie können lernen, Privates vom Produktionsnotwendigen zu trennen. Sie müssen und können in kürzester Zeit trainieren, die Vielzahl der Aufgaben die sie als Solist, Partner und Teammitglied erwarten, so gut wie möglich zu erfüllen.

Im Rahmen der gymnasialen Oberstufe in Bayern müssen alle Schüler*Innen zusätzlich zu den normalen Fächern zwei Spezial-Seminare belegen: ein W-Seminar zur Vorbereitung auf wissenschaftliches Arbeiten und ein P-Seminar, bei dem die Schule auch gerne externe Partner zuziehen kann. Beide Seminare dienen zur Studien- und Berufsorientierung, sollen eine hohe Selbständigkeit der Schüler erreichen und können die gewohnten Formen des Schulalltags aufbrechen. Auf einer zweiten Ebene bieten sie Lehrer*innen eine wunderbare Gelegenheit, Stoff zu unterrichten, der sie selbst begeistert und der auch problemlos außerhalb des festgelegten Lehrplans angesiedelt sein kann.

Andreas Obermayer, einer der drei Musiklehrer am Rupprecht-Gymnasium und Leiter der Schulchöre, bot in seinem 7ten Jahr an der Schule das Seminar „Musik und Bühne“ an. Erklärtes Ziel: die gemeinsame Erarbeitung einer Musiktheaterproduktion. Es richtete sich vor allem an Schüler*innen, von denen einige Vorerfahrungen aus anderen Schultheaterproduktionen einbrachten, viele seit mehreren Jahre in Obermayers Schulchören sangen oder als begabte Instrumentalisten aufgefallen waren. Ihnen allen wollte er mit diesem Seminar ein besonderes, ein wirklich unvergessliches Geschenk für ihren Schulabschluss machen: ein Geschenk fürs Leben.

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ – Perfekte Planung

Als routiniertem Chor- und Orchesterleiter war Obermayer klar, dass Karl Valentins berühmter Ausspruch „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ ganz besonders für Gruppenkunstwerke gilt. Daher hatte er eine solide Planung entwickelt, um das Projekt im Januar 2018 mit vier Vorstellungen zu einem krönenden Abschluss zu bringen. Die Möglichkeit, etwas Außergewöhnliches auf die Beine zu stellen, ein eigenes Stück zu entwickeln, mit den 4 Vorstellungen Besucherzahlen im 5-fachen Bereich sonstiger Schultheater-Veranstaltungen zu erreichen, im Laufe des Prozesses manchmal verzweifeln zu dürfen und dann wieder Stolz und Freude über das Erreichte zu empfinden waren allesamt Bestandteile seines pädagogischen Konzeptes. Auch das Bewältigen von Aufgaben wie Promo-Aktionen im Vorfeld bei Schulkonzerten und Treffen des Fördervereins, die nötige Spenden- und Inseratakquise, die Programmheftgestaltung und nicht zuletzt auch die Tatsache, dass sich italienische Austauschschüler der Partnerschule aus Bologna während der Aufführungswoche an der Schule befinden würden – all diese Hintergrundarbeit musste neben der künstlerischen Arbeit auch bewältigt sein.

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Die Küchencombo probt

Das Seminar wurde von 17 Schüler*Innen belegt, die sich im Vorfeld zu sehr viel Extraarbeit verpflichteten. Im Januar 2018 würden alle die Hälfte der Weihnachtsferien nicht irgendwo skifahrend oder faulenzend sondern probierend verbringen. Obermayer hatte auch erreicht, dass direkt nach den Sommerferien 2017 ein dreitägiges Intensivseminar im schuleigenen Landschulheim ermöglicht wurde, um sich vollkommen ungestört durch den Schulalltag intensiv auf die Arbeit am Stück einlassen zu können. Ohne diese notwendigen Voraussetzungen durch einen von seiner Berufung als Pädagoge wirklich komplett durchdrungenen Lehrer, der schulintern alle Hindernisse aus dem Weg geräumt hatte, hätte ich mich wohl auf dieses Abenteuer nicht eingelassen. Und ohne diese Transparenz in der Vorarbeit wäre der schlussendlich eingetretene Erfolg nicht möglich gewesen.

Musik und Theater – Die Qual der Wahl

Dass Obermayer begeisternde Schulkonzerte zusammenstellen und moderieren konnten hatte er immer wieder bewiesen. Doch auch das hingebungsvollste Konzert kann nur in den seltensten Fällen als vollwertiges Theaterstück durchgehen. Eine Kollegin stellte den Kontakt her. Die vor allem als Synchronsprecherin bekannte Claudia Urbschat-Mingues ist selbst Schülermutter am Rupprecht und ihr Sohn Vincent war einer der Teilnehmer. Nach einer gegenseitigen Schnupperstunde im Dezember 2016 beschlossen Obermayer, die Seminarteilehmer*innen und ich, das Wagnis einzugehen.

Ich wurde „temporärer externer Mitarbeiter“, dessen Aufgaben sich von Etappe zu Etappe wandelten: vom Dramaturgen („Was ist Musical überhaupt und was für Sorten gibt es?“) und Schauspiellehrer (“Welche Möglichkeiten habe ich, Text zu gestalten, emotionale Zustände durch Atmung klarzumachen, Kolleg*innen den vollen Körperfokus zuzuwenden und nicht nur die kalte Schulter zu zeigen?“) bis hin zur Rolle des Regisseurs und künstlerischen Leiters einer vollwertigen Musiktheateraufführung.

Was ihr wollt? Was ihr könnt !

In den ersten 5 Monaten fuhr ich meist einmal pro Monat montags nach München, um im Rahmen des wöchentlichen Regelunterricht von 90 Minuten die Schüler*innen mit der Basis schauspielerischer Arbeit vertraut zu machen und den Prozess der Stückauswahl zu moderieren. Denn was genau aufgeführt werden sollte, war noch gar nicht entschieden

Alle Vorschläge zu möglichen Stücken wurden gesammelt und diskutiert, teilweise sogar kurz als Skizze ausgearbeitet, so dass mit wachsenden Wissen über die vielen Möglichkeiten auch immer mehr Wahl-Qual entstand. Prinzipiell gab es vier Kategorien:

  1. Nachspielen eines existierenden Stücks, so gut man es schafft
  2. revueartige Aneinanderreihung von tollen Songs und Nummern als ansprechende Talentshow, durch ein Überthema oder einfach tolle Moderationen verknüpft
  3. ein Compilation Musical, bei dem die unabhängig voneinander entstandenen Lieder eines Komponisten oder Autorenteams mit einer Rahmenhandlung verzahnt werden (am Bekanntesten derzeit wohl „Mamma Mia“ mit Musik von Abba)
  4. oder ein „Remake“, also die Neuinterpretation einer bekannten Geschichte des Musiktheaters mit neuer Musik

Beispiele für die letzte Kategorie sind z.B. „The Black Rider“ von Tom Waits, der Carl Maria von Webers „Freischütz“ zeitgemäß neu erzählt, oder „Miss Saigon“, die in Vietnam spielende Neufassung von Puccini’s „Madama Butterfly“.

Zwischen diesen vier Futtertrögen musste das Seminar sich nun entscheiden – oder verhungern. Das reine Nachspielen bestehender, durchaus altersgerechter Musicals wie „Grease“ oder „Footloose“ wurde von ihnen irgendwann als zu konventionell verworfen. Revue oder Compilation waren für sie zu vage. Da viele der Teilnehmer in der 10. Klasse „Don Giovanni“ behandelt hatten, fiel im April schlussendlich die Entscheidung für ein Update dieses Plots.

Privatparty in Giovannis Grünwalder Villa
Giovanni setzt zur Verführung an

Ich war freudig überrascht, denn Mozart lohnt sich immer. Seine Opern sind zutiefst menschlich, und besitzen dank der Zeitlosigkeit der Themen auch immer aktuelle Brisanz. (Dass wir durch Trump, Weinstein und die #MeToo Debatte letztendlich so hochaktuell sein würden, ahnte damals aber keiner.) Die Originalhandlung des Librettisten Lorenzo da Ponte kreist um Sex and Crime, Macht und Missbrauch. Da Ponte, einer der besten Storyteller des späten 18. Jahrhunderts, schrieb für Mozart auch das Vor-Revolutionsstück „Figaros Hochzeit“ und die Beziehungsanalyse „Cosi fan tutte“.

Komfortzonenmanagement für Fortgeschrittene

Die künstlerische Leitung im Theater zu übernehmen bedeutet nicht nur das Entwickeln von Visionen. Man ist auch immer dabei, die an der Arbeit Beteiligten regelmäßig aus ihren jeweiligen Komfortzonen hinauszuführen, um im unbekannten Terrain wachsen zu können. Für die meisten Menschen bedeutet das Verlassen der Komfortzone ein mehr oder minder hohes Maß an Unwohlsein. Daher muss mal als Leiter sehr gut differenzieren: das gefühlte Überschreiten von Grenzen sagt nämlich viel mehr über die Größe, Alter und Gebrauchsspuren der jeweiligen, individuellen Komfortzone aus, als über den Regisseur in seiner Funktion als bewusst gut dosierender Grenzverletzer.

Lebende Statuen? Au weia!

Im Laufe der nächsten Wochen wurde die Handlung der Mozart’schen Oper ins heutige München verlegt. Grosse Teile der Originalmusik wurden durch Rock- und Popmusik ersetzt. Dabei mussten alle die psychologischen Entwicklungen ihrer Rollen wirklich verstehen, um sinnvolle Vorschläge machen zu können. Es galt, die Inhalte der Arien und Duette aus dem spätbarocken Sprachbildern zu filtern und heutige Songtexte mit dem gleichen Inhalt zu finden.

Genauso spannend war es, die Machtkonstellationen bei Mozart in die heutige Zeit zu übertragen. Was ist das Äquivalent eines adligen Frauenhelden, der im Laufe einer zweieinhalbstündigen Oper sein Jus Prima Noctis ebenso nutzt wie seinen Charme, um die nächsten Frauen der von seinem Diener nicht nur mental geführten Strichliste der Eroberungen hinzufügen zu können? Wie setzt man den Tod des Commendatore um, der im Dunkel der Nacht einen seine Tochter verführenden Eindringlich auf frischer Tat ertappt, stellt aber im Duell tödlich verwundet wird? Und der zu allem Überfluss am Ende des Stücks als lebende Statue erscheint, um den sich über alle Konventionen hinwegsetzenden, Busse verweigernden Giovanni als Racheengel in die Hölle zu überführen? Welche Querverweise, Bilder und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen erleichtern den Zugang zu einer solchen „Opernhandlung“?

Was will meine Figur eigentlich?

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Giovanni (Leon Ritter) und Luca (Zeno Barbieri) auf der Probe

Alle Schüler*innen mussten sich also intensive Gedanken über das eigene Profil machen, das aber auch immer Auswirkungen auf die Gesamtkonstellation hatte. Gute Ideen für eine Rolle bedeuteten nicht immer eine sinnvolle Lösung für das Gesamtsystem der Figuren. Nach und nach wurde das Da Pontes Text durch das Seminar adaptiert und in heutige Sprache übertragen. Alle Mitwirkenden erstellten im Laufe der Produktion eine psychologisch fundierte, realistische Biographie der eigenen Rolle, die in Posterform den Probenraum schmückte.

Die ausgewählten Songs wurden neu arrangiert, für die vorhandene Band aus Geige, Gitarre, Bass, Trompete, Schlagzeug und Keyboards angepasst und falls sängerisch notwendig in bequemere Tonarten transponiert. Durch diese Verschmelzung der musikalischen Ausdrucksmittel wurden die Figuren des Originals mitsamt ihren Konflikten für unsere jungen Menschen immer leichter nachvollziehbar. Aber trotzdem nicht auch leichter spielbar. Erste Szenenentwürfe entstanden, die szenische Arbeit intensivierte sich, aber viele zweifelten noch, ob die Entscheidung richtig war.

In Klausur – Wachstum durch Fokus

Direkt nach den Sommerferien zog sich das Seminar dann drei Tage zur Klausur zurück. Ungestört durch andere Aufgaben, Fächer und familiäre Bezüge sollten sich alle wirklich von morgens bis abends voll und ganz dem Stück widmen können. Lange nächtliche Diskussionen bauten langsam auch Vertrauen auf. Zum einen zu mir als dem oftmals nervenden Perfektionisten. Zum anderen auch in das mehrheitlich gewählte Stück. Begabungen entwickeln, Talente fördern, Beziehungen beobachten.

Das Hinführen zu immer mehr Selbstständigkeit der Schüler*innen für die eigenen Aufgaben und Interessen, das Abwägen von Vor- und Nachteilen für die eigene Person bei der Entscheidung, welches Stück denn nun aufgeführt werden sollte, spielte in der Anfangsphase des Seminars eine große Rolle. Jede*r sollte die Möglichkeit haben, die eigenen Wünsche an das Seminar so gut wie möglich erfüllt zu bekommen. Dazu ist es unerlässlich, diese Wünsche auch aussprechen zu lernen. Das sorgt für allerhand Gesprächsstoff, auch auf der persönlichen Ebene. Um faire Lösungen entwickeln zu können, sind demokratische und transparente Entscheidungsprozesse also enorm wichtig.

Gruppendynamik und Bergfest

Da zwar einige schon miteinander Erfahrungen im Chor gesammelt hatten, aber die Konstellation im Rahmen des Seminars komplett neu war, galt es natürlich auch die gruppendynamischen Prozesse zu erkennen und zu moderieren. Im Laufe des Seminars entstanden Beziehungen untereinander, die tiefer gingen als der normale Schulalltag. Manche Darsteller*innen entdeckten auch potentielle private Partner*innen für ihr noch junges Leben. Und manchmal beruhte das auf Gegenseitigkeit.

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Glück nach dem 3 Tage Intensiv-Seminar

Am Ende dieser drei Tage wurde ließ ein Durchlauf durch das gesamte erarbeitete Stück schon einen zwar wackligen, aber doch ganz beachtlichen ersten Akt erkennen, und ein paar prinzipiell gute Bruchstücke als grobe Orientierung nach der Pause. Beim anschließenden Großputz des Schullandheims wurde deutlich, dass das Teambuilding Früchte trug. In weniger als einer Stunde sah alles picobello aus. Dennoch war allen klar, dass noch viel Arbeit vor uns lag und noch einige innere Schweinehunde zu besiegen sein würden.

Offener Probenprozess und Testpublikum

Ganz bewusst haben wir den Probenprozess auch immer wieder für externe Gäste geöffnet, die nach den Proben Feedback gaben. Dazu gehörten neben Claudia als zusätzlichem Schauspielcoach auch immer wieder interessierte Münchner Mensaner, die den Jugendlichen ihre Eindrücke spiegelten. Nach und nach lösten sich Widerstände auf. Guten Mutes wurde ab Oktober 2017 ein Projekt-Blog und ein Instagram-Account angelegt, um die Arbeitsschritte auch nach Außen zu dokumentieren. 
(Der Projektblog wurde im Rahmen der neuen DSGVO im Mai 2018 wieder geschlossen – viele der Eindrücke sind in diesen Artikel eingeflossen.)

Bei Aufführungen von Ausschnitten im Schulkontext wurde die Improvisationsfähigkeit trainiert. Wenn nachmittags Szenen, die bislang auf flachem Boden stattfanden, plötzlich auf eine große Treppe verlegt werden mussten, Publikum auf drei Seiten der schuleigenen Mensa anzuspielen war, traf eine Überdosis Adrenalin auf Lampenfieber und Schamgrenzen. Doch es war wunderbar zu sehen, wie es gelang, die Geschichte auch nur über Ausschnitte zu vermitteln. Wie plötzlich die Figuren in den Vordergrund traten, die Darsteller*innen im Rahmen ihrer Rolle neue Kräfte entwickelten.

Ausstattung – Not macht sehr erfinderisch

Nachdem das Stück im September prinzipiell machbar erschien, wurde das Thema Ausstattung und Etat ein Thema. Wie verwandelt man eine Schulturnhalle erst in ein Luxushotel mit Handlungsorten auf 6 verschiedenen Stockwerken und im zweiten Akt in eine Grünwalder Villa mit umgebendem Park? Und das alles ohne Geld auszugeben?

Der Kunstlehrer entwarf erste Logos für die Firmen, mit denen wir Rednerpulte und Wände schmücken wollten. Ich begann alte Kontakte zu reaktivieren und Bettelmails an die technischen Abteilungen der Bayrischen Staatsoper, des Gärtnerplatztheaters und des Volkstheaters zu versenden.

Kleider machen Leute – aber auch sie sollten kein Geld kosten. Um den Kostümetat so niedrig wie möglich zu halten, wurden alle Schüler aufgefordert, ihre persönlichen Kleiderschränke zu plündern, notfalls auch die von Eltern und Geschwistern.

Verantwortung und Zusammenspiel

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Der 5-Sekunden-Papp-Lamborghini

Gelungenes Musiktheater bedeutet eine hochkomplexe, perfekt synchronisierte und daher zuverlässig wiederholbare Abfolge von Texten, Tönen, Blicken, Atmern, Gesten, emotionalen Zuständen, aber auch Requisiten, Lichtstimmungen und Tonpegeln. Erst das präzise, uhrwerkgenaue Zusammenspiel aller Beteiligten in den Vorstellungen ermöglicht dem Publikum und natürlich auch dem Theaterteam selbst ein totales Theatererlebnis. Alle dienen einem gemeinsamen Ziel – der perfekten Erzählung der Geschichte, egal wie anstrengend, kräfteraubend und konzentrationsfordernd das auch sei. Die eigene Leistungsfähigkeit wird an die Grenzen geführt und für die Dauer der Vorstellungen befinden sich alle in einer skurrilen Zeitschleife – denn täglich grüsst nicht nur das Murmeltier sondern auch oft der innere Schweinhund.

Perfekt erzählt heißt vor allem die Abwesenheit von unnötigen Reibungen, Verzögerungen oder Missstimmungen. Alle sind davon abhängig, wie gut die anderen ihre Aufgaben lösen. Und nichts löst dann beim pädagogischen Leitungsteam größere Freude aus, als wenn jede*r Einzelne in den Vorstellungen die höchsten Ansprüche an den ganz individuellen, eigenen Beitrag zum Gesamtgelingen der Produktion stellt. Nicht, weil es noch jemand von außen wünschte, anfragte oder einforderte sondern weil jede*r selbst diesen Anspruch entwickelt hat.

Die Eroberung der Turnhalle

Bei grossen Szenen war von Anfang geplant, dass Mitglieder des Schulchors als durchgehend präsentes Hotelpersonal, Rechtsanwälte, Journalisten, Security und Partygäste kleine Glanzlichter setzen und die Bühnenhandlung so perfekt abrunden würden. Einige hatten auch schon beim Auftritt im Oktober mitgewirkt. In diesem letzten Probenblock kamen nun alle Chorleute dazu. Gemeinsam mit ihnen eroberten wir die riesigen Dimensionen der Turnhalle.

Dialoge, die bisher in 2 m Abstand erarbeitet waren, wurden plötzlich über die gesamte Länge der Turnhalle geführt. Auftrittswege durch den Park der Villa verlängerten sich auf 70 m, die innerhalb weniger Sekunden zurückgelegt werden mussten. Das Technikteam der Schule versorgte die Hauptdarsteller mit Mikroports und Robert Schmelcher, ein freier Mitarbeiter des Kulturamts der Stadt, kam zum Probenbesuch, um einen Eindruck des Stücks zu gewinnen und Vorschläge für Beleuchtung und Soundtechnik zu entwickeln.

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Selina umsorgt den von Giovanni verprügelten Marco

 

Und Herr Obermayer zauberte mit Christiane Fischl, Schülermutter und stressresistente Organisatorin und Ausstatterin von Krippenspielen einen letzten Trumpf aus dem Hut. Mit ihr besprach ich die noch bestehenden Ausstattungsprobleme. Denn alle Theater hatten abgesagt. Entweder war nicht passendes da, oder im Fall des Gärtnerplatzes durch die gerade erfolgte Wiedereröffnung gar keine Kapazität da, Hilfe nach außen zu geben. Für vieles hatten sich einfache Lösungen ergeben: die an der Schule vorhandenen höhenverstellbaren Schnakenberger Podeste konnten durchaus als elegante Couch- und Billardtische verkauft werden. Und aus Vorhangsschienen gebastelte Aufzugtüren konnten perfekt unter dem Basketballaufhängung untergebracht werden. So jonglierten wir gemeinsam viel Phantasie und ein winziges Budget.

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Der „Fischl“-Aufzug – hält, wackelt, passt 🙂

Alles kulminierte: sämtliche inhaltlichen Diskussionen, das im Laufe der Monate durchgeführte Training von Präsenz, Diktion und Körperlichkeit sowie das Verständnis für die Rollenprofile. Spielflächen rund um die Zuschauer entstanden. Turnhallentüren wurden zu Hoteleingängen und Küchentrakten. Alle gewöhnten sich daran, sich zusammen eine einzige Garderobe zu teilen.

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Skizzen der Bühnenkonstruktion

Neben der Arbeit am Stück kümmerten sich einige weiterhin parallel um die Organisation, erstellten gemeinsam mit der Deutschlehrerin das Programmheft und bereiteten mit den überarbeiteten Plakatentwürfen die Werbung vor. Zusätzlich tauchte auch ein Filmteam auf. Denn auf Grund der sichtbar gewordenen Qualität hatte Urbschat-Mingues beschlossen, den Schülern noch ein zusätzliches Geschenk zu machen. Sie engagierte ein junges Dokumentarfilmteam, das die Endproben dokumentierte. Wunderbar unauffällig näherten sie sich allen Beteiligten und konnten so viele einzigartige Momente festhalten. Der Fertigstellung dieses Films fiebern natürlich jetzt schon alle entgegen.

Schule im Ausnahmezustand

Premierenapplaus - Turnhalle ausser Rand und Band
Schlussapplaus vor voller Turnhalle

In den letzten Januartagen 2018 wurde aus dem Turnhallengebäude des Rupprecht-Gymnasiums in der Tat ein Theater. Mehr als 50 Schüler*innen waren auf der Bühne, an der Garberobe, der Abendkasse und beim Catering ganz wesentlich daran beteiligt, den insgesamt 1.100 Zuschauer*innen ein von Abend zu Abend reibungsloseres Vergnügen beim hautnahen Erleben von ‚Don Giovanni Reloaded‘ zu ermöglichen. Obermayer hatte sein Kollegium aktiv informiert und gebeten, auf Leistungsnachweise in der Aufführungswoche zu verzichten- Er hatte ebenfalls eine Reduzierung der Anwesenheitspflicht auf die Abiturfächer für die Q11 und Q12 verhandelt. Im Hintergrund unterstützen Eltern und Lehrer*innen das Team tatkräftig.

Premiere mit Wasserpumpen

Für wenige Produktion in meinem Leben habe ich derart viel Schweiß und Tränen vergossen wie hier – und gleichzeitig so viel Neues erlebt. Die Nichtexistenz der am Theater üblichen ein oder zwei Regieassistenten, die einem viel Lauf- und Kommunikationsarbeit abnehmen, führte dazu dass ich zum ersten Mal eine Probenkritik über 6 verschiedene WhatsApp-Gruppen an die Darsteller verteilt habe.

Als bei der Premiere in der Pause noch ein Problem mit der Installation auftrat, die Künstlerdusche unter Wasser stand und schon erste Lachen in die Garderobe fluteten zeigte sich, welch tolles Team entstanden war. Während die einen die Füße in Plastiktüten gepackt im wahrsten Sinn des Wortes „durch die Scheiße wateten“, organisierten andere abends um 20:30 Wasserpumpen. Because the show must go on!

Der tosende Applaus, die zahlreichen Zugaben die gegeben werden mussten, liess alle auf Wolke sieben schweben. Das Glück, die Euphorie war mit den Händen zu greifen.

Verbesserung bis zur letzten Vorstellung

Auch nach der Premiere perfektionierten wir alle weiter. Ein provisorischer Vorhang in Giovannis Villa wurde durch geschicktes Verschnüren und den Einsatz von Sicherheitsnadeln temporär in einen Baldachin verwandelt. Die fast tägliche Restrukturierung der Kassen- und Garderobenabläufe trugen dazu bei, dass bei der letzten Vorstellung die Zuschauer sich nicht mehr auf der Treppe stauten, sondern das neu entstandene „Theaterfoyer“ in der oberen Turnhalle nutzten.

Zur den Aufgaben des Theaterregisseurs gehört es, für jedes mögliche Publikum vorauszudenken und die bestmöglichen Entscheidungen zu fällen. Und sich am Ende wie ein Kaninchen im eigenen Hut verschwinden zu lassen. Die letzte Aufführung am Samstag musste also ohne mich stattfinden. Um zu verhindern, dass irgendwer aus reiner Gewohnheit mich etwas fragen mochte und konnte. Nein, egal welches Problem, es musste gemeinsam, mit- und untereinander zu lösen sein.

Ziel erreicht

Mit „Highway to Hell“ entstand ein neues, faszinierendes, überzeugendes, unverwechselbares und zeitgemäßes Stück Musiktheater. Mit den Aufführungen haben Herr Obermayer und die Schüler*innen allen – sich selbst, ihren Familien und Freunden, ihren engeren und weiteren Umfeldern und dem Publikum – bewiesen, warum Theater so wichtig und wertvoll sein kann. Es galt, Konflikte, Kommentare, Witze und Bemerkungen ebenso auszuhalten wie Komplimente oder auch reale Umarmungen im Schauspielunterricht von Mitschüler*innen, die vielleicht nicht die persönliche erste Wahl möglicher Umarmer*innen waren.

Alle können schon heute auf viele individuelle, teilweise sehr persönliche Entwicklungen, zahlreiche Momente, die ihr Innerstes gestreift, berührt oder auch voll getroffen haben, zurückblicken.

Tränen der Rührung waren in den letzten Tagen des Projekts völlig normal – am Ende der eigenen Kräfte kommt Erkenntnis nicht vollkommen trockenen Auges daher.

Meine stille Hoffnung ist, dass dieses Projekt alle Schüler*innen verändert und zum persönlichen Wachstum verleitet haben wird. Erste Emails zeigen, dass diese Hoffnung sich vielfach erfüllt. Wenn sie irgendwann auf die im Netz verbliebenen Dokumentationen dieses Prozesses zurückblicken wie auf alte Tagebuchseiten und mit einer wunderbaren Mischung aus Sehnsucht, Erleichterung und nostalgischer Wehmut festzustellen, wie groß die von ihnen zurückgelegten Schritte waren. Dass sie dieses Wissen weitergeben – an ihre Freunde, Familien und irgendwann an ihre eigenen Kinder und dafür sorgen werden, dass Schultheater möglich bleibt.